Sprünge in der Sächsischen Schweiz

Ein paar Hintergrundinformationen zu Spielarten des Sächsischen Kletterns
für Nicht-Sachsen, Nicht-Kletterer und Nicht-kletternde-nicht-Sachsen

Eine typisch sächsische Spielart des Kletterns ist das Springen. Mehr als 550 Sprünge gibt es in der sächsischen Schweiz. Für Sprünge existiert seit 1965 eine eigene Schwierigkeitsskala, die von 1 bis 4 gewertet und in arabischen Ziffern angegeben wird. Dabei können Sprünge auch mit anderen Kletterschwierigkeiten kombiniert sein. Etwa man klettert, springt auf einen Absatz und klettert weiter. Sprung- und Kletterschwierigkeiten werden dann mit arabischen und römischen Ziffern durch einen "/" getrennt angegeben.

Entstanden ist das Springen aus der Tatsache, daß sich Gipfel oft neben Massiven oder anderen Gipfeln befinden und sie ab einem Abstand von einem Meter als eigenständig gelten. Was liegt also näher, als rüber zu hüpfen? Teilweise wird ein Gipfel auch durch Spalten geteilt. Ein Sprung vom Vor- zum Hauptgipfel ist dann unentbehrlich. Diese Sprünge werden oft gar nicht oder nur in Erwähnungen mit angegeben - z.B. Turnersprung (1) auf dem Gipfel des Falkensteines oder der Sprung (2) vom Hauptgipfel des Dreibrüdersteins (Hinterhermsdorf) zum Gipfelbuch.

Obwohl das Springen in der Sächsischen Schweiz von Anbeginn zum Klettern dazu gehörte, wurden Sprungwege erst in den 60er Jahren als gleichwertige Aufstiege anerkannt und entsprechend im Kletterführer ausgewiesen und bewertet. Immer noch gilt unter sächsischen Bergsteigern "Wer springt ist nur zu faul zum Klettern!" Dennoch sind 1er und 2er sehr beliebt - besonders auch als Alternative im Winter, wenn Schnee und Eis das "richtige Klettern" verhindern.

Sprünge der Schwierigkeit 1 sind meist nur kleine Hüpfer oder mäßig weite Sprünge mit konfortabler Anlauf- und Landefläche. Sie lassen sich meist problemlos in beide Richtungen springen. Aufgrund der kurzen Distanz lassen sich 1er oft durch Übertritte, Überfälle oder Absteigen umgehen oder sie werden als Alternativen zu Übertritten und Überfallen im Kletterführer erwähnt. Trotz des kurzen Sprungweges können 1er sehr lüftig sein - wie z.B. der AW (1/I) auf den Nordturm, wo von einer vorspringenden Zacke über eine tiefe, blockgefüllte Schlucht auf eine vorstehende Nase gesprungen werden muß.

Als erster 1er Sprung gilt der Turnersprung auf dem Gipfel des Falkenstein - erstbegangen 1864. Ein Gipfel der über einen 1er erstbestiegen wurde, ist der "Glück-Auf-Turm" im Bielatal.



Linkssprung (1) auf den Hallodri
 
Schwierigkeit 2 bedeutet weitere Abstände oder ungünstigere Absprung- und/oder Landeflächen. Das heißt, ein Sprung, der von der Entfernung her einer 1 entspricht, bei dem man aber von einer schmalen Leiste abspringen oder auf einer Schrägen landen muß, wird als 2 eingestuft. Eine schöne Sprungkombination ist z.B. der Zweisprung(2/I) auf den Lärchenturm im Schmilkaer Gebiet: zuerst ein Sprung auf ein schmales Felsriff und von dort aus noch ein zweiter in die Rinne des AW.

Der erste 2er Sprung im Gebirge wurde 1895 von Julius Dümler auf dem Heringstein gewagt. Der Dümlerweg endet auf dem Vorgipfel, der durch einen breiten Spalt vom Hauptgipfel getrennt ist. Über einen 2er Sprung erstbestiegen wurde der Gipfel Spund im Brand.



Bacchussprung (2) auf den Spund
 
Ab Schwierigkeit 3 muß mit Verletzungen gerechnet werden. Sprünge dieser Kategorie vereinen weite Sprungentfernungen mit kurzen Anlaufwegen und ungünstigen Landeflächen. Diese Wege macht man nicht "nebenbei als Gaudi". Will man ernsthafte Verletzungen vermeiden, muß man sich entsprechend vorbereiten.

Am 12.12.1905 sprang Oliver Perry-Smith den ersten 3er auf dem Weg auf den Verlorenen Turm im Rathener Gebiet. Über den Sprung (3) erfolgte die Erstbesteigung des Steinbruchturmes im Brandgebiet.


 

"Tiefer Sprung" (3) auf den Heringsteinkegel
 
An 4-er Sprünge wagen sich (zu Recht) nur wenige. Hier sind Sätze von enormer Weite (Bundesfels), das Auffangen mit den Händen an einer Felsnase (Langer Israel), das Aufkommen auf knöchelbrechenden Spitzen (NO-Wachturm) oder Flüge in die Tiefe mit wuchtigem Aufschlag (Schwager) gefordert. Den Sprung Cornichon haben tscheschiche Bergkameraden als Video ins Netz gestellt.

Die ersten beiden 4er Sprünge absolvierte Rudolf Klemm - 1915 vom Südlichen auf den Westlichen Schrammturm und 1916 auf die Wolfsspitze in den Affensteinen. Über den Königssprung (4) wurde der Dezemberturm erstbestiegen.


Links zu Videos von 4er Sprüngen
 
Cornichon auf den Schwager
Sprung auf den Langen Israel
 
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Im Jahre 2009 wurde zwei Wege erstbegangen, die mit der Schwierigkeit 5 eingestuft wurden. Erforderlich ist bei beiden, ein Absprung mit dem Rücken zum Landepunkt, ein Drehen in der Luft und eine Landung in einem kleinen Fingerloch bzw an einer Rippe. Es handelte sich um die Wege Steinbruchnadel, Parcours (5/VIIb) und Brandkegel, Sag jetzt nichts! (5/IXb). Ob diese Skalaerweiterung sinnvoll ist, war zu dieser Zeit aber noch umstritten. Kurz vorher hatte eine Umfrage unter den aktivsten Springern in Sachsen zu dem Ergebnis geführt, daß die Einführung einer fünften Stufe nicht von Nöten ist.

Informationen zu 5er Sprüngen
 
SBB Mitteilungsblatt Nr. 1/2010
siehe Seiten 27/28
 
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2010 gab es bei Sprüngen eine unglaubliche Entwicklung. Nachdem Thomas Willenberg 2009 seine ersten 5er Sprünge absolviert hatte, gelang es ihm im nächsten Jahr, alle 4er Sprünge zu wiederholen. Darunter waren auch Zweitbegehungen, deren erfolgreiche Erstbegehung zweifelhaft war. Doch damit nicht genug. Er begann neue Sprünge zu wagen und schaffte es, unglaubliche Distanzen und Höhenunterschiede zu überspringen. Das Ergebniss waren nicht nur neue Sprünge der Stufe 5, sondern sogar die Einführung der neuen Schwierigkeit 6 - unter anderem auf den Brückenturm und den Märchenturm. Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung.
Informationen zu 6er Sprüngen
 
SBB Mitteilungsblatt Nr. 4/2010
siehe Seite 27
 
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Anzahl von Sprüngen (Schwierigkeiten 1-4) in einzelnen Gebieten
(unterschiedliche Wege, die den gleichen Sprung beinhalten werden nur einmal gezählt)

  1       2       3       4              insgesamt

Bielatal 18 33 29 8 88
Erzgebirgsgrenzgebiet    2 0 3 0 5
Wehlen 3 5 3 1 12
Rathen 10 24 19 16 69
Brand 5 25 15 5 50
Schrammsteine 2 16 13 9 40
Schmilka 10 34 17 8 69
Affensteine 10 29 15 5 59
Kleiner Zschand 4 19 5 0 28
Großer Zschand 9 18 10 2 39
Wildensteiner Gebiet 6 6 7 2 21
Hinterhermsdorfer Gebiet 1 5 8 1 15
Gebiet der Steine 13 28 23 7 71

alle 93 242 167 64 566